Strategie

BFSG-Checkliste für Kleinunternehmen: Was du wirklich tun musst

Von Joshua Kantner · April 2026 · bf-check.de

BFSG für Kleinunternehmen: Kein Grund zur Panik

Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) klingt bedrohlich – besonders wenn du ein kleines Unternehmen führst und ohnehin schon genug um die Ohren hast. Aber die gute Nachricht: Für die meisten Kleinunternehmen ist der Aufwand überschaubar.

Die häufigsten Barrieren lassen sich mit wenig Aufwand und null Budget beseitigen. Drei Maßnahmen allein – Alt-Texte (WCAG SC 1.1.1), Kontraste (WCAG SC 1.4.3) und Formular-Labels (WCAG SC 1.3.1) – decken rund 80 % der typischen Probleme ab.

Dieser Artikel gibt dir eine priorisierte Checkliste: Was ist Pflicht, was ist Nice-to-Have, wo fängst du an – und wie sieht ein realistischer Fahrplan aus, wenn Zeit und Budget knapp sind? Außerdem erfährst du, wann du selbst Hand anlegen kannst und wann eine Agentur die bessere Wahl ist.

Das BFSG setzt die europäische Richtlinie (EU) 2019/882 (European Accessibility Act) in deutsches Recht um. Es verweist auf die harmonisierte Norm EN 301 549, die wiederum die WCAG 2.1 Level AA als technischen Mindeststandard für Webinhalte definiert. Als Kleinunternehmen musst du also nicht irgendein abstraktes Gesetz lesen – du musst die WCAG-Erfolgskriterien kennen und umsetzen. Genau das macht diese Checkliste. Weitere Informationen finden Sie im BFSG-Glossar.

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Orientierung und ersetzt keine Rechtsberatung. Die konkrete Auslegung des BFSG hängt vom Einzelfall ab. Im Zweifel ziehe eine spezialisierte Kanzlei hinzu.

Betrifft dich das BFSG überhaupt? Schnell-Check

Bevor du loslegst, kläre zuerst: Fällt dein Angebot unter das BFSG? Das Gesetz gilt gemäß § 1 Abs. 2 BFSG für Produkte und Dienstleistungen im elektronischen Geschäftsverkehr – also für Online-Shops, Buchungsportale, SaaS-Tools und ähnliche Angebote.

Eine reine Visitenkarten-Webseite ohne Kauf- oder Buchungsfunktion fällt möglicherweise nicht direkt unter das BFSG. Allerdings können das AGG und die EU-Barrierefreiheitsrichtlinie (European Accessibility Act) trotzdem greifen. Die Faustregel: Wenn Kunden bei dir online etwas kaufen, buchen oder einen Vertrag abschließen können, bist du betroffen.

Konkret fallen unter § 1 Abs. 3 BFSG unter anderem folgende Dienstleistungen:

Wenn du unsicher bist, ob dein Angebot betroffen ist, hilft ein schneller BFSG-Scan als erster Anhaltspunkt. Er zeigt dir, welche Barrieren auf deiner Seite existieren – unabhängig davon, ob du formal unter das BFSG fällst.

Die Kleinstunternehmer-Ausnahme: Was sie bedeutet – und was nicht

Gemäß § 3 Abs. 4 BFSG sind Kleinstunternehmen (weniger als 10 Beschäftigte und Jahresumsatz unter 2 Mio. EUR) von den Produktanforderungen für Dienstleistungen ausgenommen. Klingt erstmal nach Entwarnung – ist es aber nur teilweise.

Die Ausnahme schützt dich vor behördlichen Maßnahmen der Marktüberwachung. Sie schützt dich nicht vor:

Mehr zu den Ausnahmen und Sonderfällen findest du in unserem Artikel BFSG-Ausnahmen für Kleinstunternehmen.

Die BFSG-Checkliste: Must-Have vs. Nice-to-Have

Nicht alle Maßnahmen sind gleich dringend. Hier die Aufteilung in Must-Have (ohne geht es nicht) und Nice-to-Have (verbessert die Nutzererfahrung, ist aber kein Showstopper):

Must-Have – Pflicht für BFSG-Konformität

  1. Alt-Texte für alle informativen Bilder (WCAG SC 1.1.1 – Nicht-Text-Inhalt) – sofort umsetzbar, kostenlos
  2. Farbkontraste prüfen und korrigieren (WCAG SC 1.4.3 – Kontrast Minimum: 4,5:1 für normalen Text, 3:1 für großen Text) – Tools helfen beim Farbkontraste prüfen
  3. Formular-Labels korrekt zuordnen (WCAG SC 1.3.1 – Info und Beziehungen) – nicht nur Platzhalter-Text verwenden
  4. Überschriften-Hierarchie einhalten (WCAG SC 1.3.1) – saubere H1 → H2 → H3-Struktur, keine Stufen überspringen
  5. Sprach-Attribut setzen (WCAG SC 3.1.1 – Sprache der Seite) – <html lang="de"> im HTML-Dokument
  6. Tastatur-Navigation sicherstellen (WCAG SC 2.1.1 – Tastatur) – alle interaktiven Elemente müssen per Tab erreichbar sein
  7. Barrierefreiheitserklärung erstellen und verlinken – dokumentiert den aktuellen Stand und nennt Kontaktmöglichkeit

Nice-to-Have – Empfohlen, aber kein Sofort-Muss

  1. PDFs barrierefrei machen oder HTML-Alternative anbieten (WCAG SC 1.1.1, SC 1.3.1)
  2. Videos mit Untertiteln versehen (WCAG SC 1.2.2 – Untertitel voraufgezeichnet)
  3. Skip-Links einbauen (WCAG SC 2.4.1 – Blöcke umgehen) – ermöglicht das Überspringen der Navigation
  4. Fokus-Indikatoren stylen (WCAG SC 2.4.7 – Fokus sichtbar) – der Standard-Browser-Fokus reicht oft nicht
  5. Regelmäßig scannen – mit dem bf-check.de Scanner oder einem ähnlichen Tool

Quick Wins: Die ersten 3 Stunden

Du willst heute noch anfangen? Hier ist ein realistischer Plan für den ersten Nachmittag:

Stunde 1 – Scan und Bestandsaufnahme: Führe einen kostenlosen BFSG-Scan durch. Notiere alle gefundenen Fehler. Sortiere nach Schweregrad – kritische Fehler zuerst.

Stunde 2 – Die Top-3-Fixes: Ergänze Alt-Texte für alle Bilder. Prüfe deine Farbkontraste mit einem Contrast-Checker (z. B. WebAIM Contrast Checker) und passe Farben an. Ordne allen Formularfeldern ein <label>-Element zu.

Stunde 3 – Struktur und Sprache: Korrigiere die Überschriften-Hierarchie. Setze das lang="de"-Attribut. Teste die Tastatur-Navigation: Drücke Tab durch deine gesamte Seite und prüfe, ob du überall hinkommst.

Nach diesen 3 Stunden hast du die wichtigsten 80 % abgedeckt – ohne einen Cent auszugeben.

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Budget-freundliche Maßnahmen: Was kostet wie viel?

Als Kleinunternehmen hast du kein unbegrenztes Budget. Die gute Nachricht: Die meisten Maßnahmen kosten nichts außer deiner Zeit. Hier eine realistische Kostenübersicht:

Für mehr Details zum Thema Kosten lies unseren Artikel Barrierefreiheit: Kosten und Budget realistisch planen.

DIY oder Agentur? Entscheidungshilfe

Nicht jeder braucht eine Agentur. Hier eine ehrliche Einschätzung:

DIY ist sinnvoll, wenn:

Eine Agentur lohnt sich, wenn:

Ein guter Mittelweg: Starte mit einem DIY-Audit, behebe die offensichtlichen Fehler selbst und hole dir für die kniffligen Themen (ARIA-Patterns, komplexe Formulare, PDF-Sanierung) externe Hilfe.

Typische Kosten für Agentur-Leistungen

Wenn du dich für externe Unterstützung entscheidest, hier eine Orientierung:

Achte darauf, dass die Agentur nach WCAG 2.1 Level AA prüft und nicht nur automatisierte Tools einsetzt. Ein reiner Tool-Scan deckt laut Deque Research nur ca. 30 % der WCAG-Kriterien ab. Den Rest erkennt nur ein manueller Test.

Fahrplan: Deine Timeline zur BFSG-Konformität

Ein realistischer Zeitplan für ein Kleinunternehmen mit einer Standard-Webseite:

Woche 1 – Analyse und Quick Wins:

Woche 2 – Struktur und Navigation:

Woche 3 – Inhalte und Dokumente:

Woche 4 – Abschluss-Check:

Nach der Umsetzung: Monitoring und Pflege

Barrierefreiheit ist kein einmaliges Projekt – sie muss gepflegt werden. Neue Inhalte, Plugin-Updates oder Design-Änderungen können neue Barrieren einführen.

Monatlich:

Quartalsweise:

Bei jedem Update:

Tipp: Richte dir eine monatliche Kalender-Erinnerung ein – „BFSG-Check durchführen“. So rutschst du nicht in die Falle, Barrierefreiheit zu vergessen, sobald die erste Welle erledigt ist.

Häufige Stolperfallen bei der Umsetzung

Auch mit der besten Checkliste passieren typische Fehler. Hier die häufigsten Stolperfallen, die wir bei Kleinunternehmen sehen:

CMS-spezifische Tipps

Je nach Content-Management-System gibt es unterschiedliche Hebel:

WordPress: Nutze ein barrierefreies Theme (z. B. aus dem WordPress-Accessibility-Ready-Verzeichnis). Prüfe Plugins vor der Installation auf Barrierefreiheit – besonders Slider, Lightboxes und Mega-Menüs sind häufige Problemquellen. Das Plugin „WP Accessibility“ kann einige Basis-Fixes automatisch setzen.

Shopify: Shopify-Themes werden zunehmend auf Barrierefreiheit getestet. Prüfe trotzdem die Tastatur-Navigation im Checkout (WCAG SC 2.1.1) und die Alt-Texte der Produktbilder. Shopifys eigene Accessibility-Dokumentation ist ein guter Startpunkt.

Wix / Squarespace / Jimdo: Baukasten-Systeme haben begrenzte Anpassungsmöglichkeiten. Achte auf die Auswahl barrierefreier Templates, setze Alt-Texte konsequent und teste die Tastatur-Navigation. Manche Baukästen setzen das Sprach-Attribut (WCAG SC 3.1.1) nicht automatisch – prüfe das.

Häufig gestellte Fragen

Was passiert wenn ich als Kleinunternehmen nichts tue?
Im schlimmsten Fall: Abmahnung nach § 2 UKlaG (1.500–5.000 EUR). Wahrscheinlicher: Du verlierst Kunden, die deine Seite nicht nutzen können. Die meisten Fixes sind so einfach, dass Nichtstun keinen Sinn macht.
Wie lange dauert es meine Webseite BFSG-konform zu machen?
Für eine kleine Business-Webseite (5–10 Seiten): Ein Nachmittag für die wichtigsten Fixes. Für einen Online-Shop: 1–2 Tage. Für komplexe Webseiten: Je nach Zustand Tage bis Wochen.
Muss ich als Kleinstunternehmen (unter 10 Mitarbeiter) das BFSG umsetzen?
Kleinstunternehmen mit weniger als 10 Beschäftigten und unter 2 Mio. EUR Jahresumsatz sind nach § 3 Abs. 4 BFSG von den Produktanforderungen für Dienstleistungen ausgenommen. Die Ausnahme schützt aber nicht vor Abmahnungen nach dem Wettbewerbsrecht. Grundlegende Barrierefreiheit lohnt sich trotzdem.
Was kostet die BFSG-Umsetzung für ein kleines Unternehmen?
Viele Maßnahmen sind kostenlos (Alt-Texte, Labels, Überschriften). Für eine einfache Webseite kannst du mit 0–500 EUR rechnen, wenn du selbst Hand anlegst. Eine Agentur kostet für einen Basis-Audit 500–2.000 EUR.
Kann ich die BFSG-Umsetzung selber machen oder brauche ich eine Agentur?
Für eine einfache Business-Webseite mit 5–15 Seiten kannst du die meisten Fixes selbst umsetzen. Nutze kostenlose Tools wie den bf-check.de Scanner und die Chrome DevTools. Eine Agentur lohnt sich bei komplexen Shops, Web-Apps oder wenn dir die technischen Kenntnisse fehlen.
Welche BFSG-Maßnahmen haben den größten Effekt?
Die Top 3 Quick Wins: Alt-Texte für alle Bilder (WCAG SC 1.1.1), Farbkontraste von mindestens 4,5:1 (WCAG SC 1.4.3) und korrekte Formular-Labels (WCAG SC 1.3.1). Diese drei Maßnahmen decken ca. 80 % der häufigsten Barrieren ab.
Wie oft sollte ich meine Webseite auf Barrierefreiheit prüfen?
Mindestens einmal pro Quartal und nach jedem größeren Update. Am besten richtest du dir eine monatliche Erinnerung ein. Automatisierte Scanner wie bf-check.de helfen, neue Probleme frühzeitig zu erkennen.
Gilt das BFSG auch für rein informative Webseiten ohne Shop?
Das BFSG gilt primär für Produkte und Dienstleistungen im elektronischen Geschäftsverkehr (§ 1 Abs. 2 BFSG). Eine rein informative Seite ohne Kauf- oder Buchungsfunktion fällt möglicherweise nicht direkt unter das BFSG. Allerdings greifen das AGG und EU-Richtlinien – barrierefreie Gestaltung ist also auch hier empfehlenswert.

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