Leichte Sprache auf Webseiten: Wann sie gefordert ist und wie du sie umsetzt
Was ist Leichte Sprache?
Leichte Sprache ist eine stark vereinfachte Form der deutschen Sprache mit festen Regeln. Sie wurde entwickelt, um Informationen für möglichst viele Menschen zugänglich zu machen. Die wichtigsten Merkmale:
- Kurze Sätze (maximal 8–12 Wörter pro Zeile)
- Ein Gedanke pro Satz
- Einfache, bekannte Wörter – Fremdwörter werden erklärt
- Aktive Verben statt Passiv-Konstruktionen
- Große Schrift (mindestens 14pt), großer Zeilenabstand
- Bilder, die den Text unterstützen
- Klare Gliederung mit Überschriften
Wer braucht Leichte Sprache? Die Zielgruppen
Leichte Sprache richtet sich an mehrere Zielgruppen, die oft übersehen werden:
- Menschen mit kognitiven Behinderungen: Lernschwierigkeiten, geistige Behinderungen, Demenz – in Deutschland betrifft das mehrere Millionen Menschen
- Menschen mit geringen Deutschkenntnissen: Zugewanderte, Geflüchtete, Menschen mit Deutsch als Fremdsprache
- Funktionale Analphabeten: Rund 6,2 Millionen Erwachsene in Deutschland können nicht ausreichend lesen und schreiben (LEO-Studie 2018)
- Ältere Menschen: Mit zunehmendem Alter kann die Fähigkeit abnehmen, komplexe Texte zu verarbeiten
- Gehörlose Menschen: Deutsche Gebärdensprache hat eine andere Grammatik als geschriebenes Deutsch – Leichte Sprache ist oft leichter zugänglich
Insgesamt profitieren bis zu 10 Millionen Menschen in Deutschland von Texten in Leichter Sprache. Das ist kein Nischenthema – es ist ein enormes Publikum.
Leichte Sprache vs. Einfache Sprache: Der wichtige Unterschied
Die Begriffe werden oft verwechselt, meinen aber unterschiedliche Dinge:
Leichte Sprache folgt einem festen Regelwerk. Das bekannteste stammt vom Netzwerk Leichte Sprache und umfasst klare Vorgaben zu Wortschatz, Satzbau, Gestaltung und Prüfung. Seit 2023 gibt es zusätzlich die DIN SPEC 33429, die erstmals eine technische Spezifikation für Leichte Sprache definiert. Texte in Leichter Sprache müssen von einer Prüfgruppe getestet werden – Menschen aus der Zielgruppe, die den Text auf Verständlichkeit prüfen.
Einfache Sprache (auch: Bürgernahe Sprache) ist weniger streng. Sie vereinfacht Texte, aber ohne festgelegtes Regelwerk. Einfache Sprache richtet sich an ein breiteres Publikum und ist näher an der Alltagssprache. Es gibt keine Pflicht zur Prüfgruppe.
Für die meisten Webseiten ist Einfache Sprache ein pragmatischer erster Schritt, während Leichte Sprache der Goldstandard für maximale Zugänglichkeit ist.
Das Regelwerk: DIN SPEC 33429 und Netzwerk Leichte Sprache
Zwei maßgebliche Quellen definieren, was Leichte Sprache ausmacht:
Netzwerk Leichte Sprache
Das Netzwerk Leichte Sprache hat die Regeln für Leichte Sprache entwickelt, die seit über 15 Jahren in der Praxis angewendet werden. Die Kernregeln:
- Jeder Satz steht auf einer eigenen Zeile
- Lange Wörter werden mit Medio-Punkt (Binde·strich) getrennt
- Fremdwörter werden vermieden oder direkt erklärt
- Keine Abkürzungen ohne Erklärung
- Kein Konjunktiv, kein Genitiv, kein Passiv
- Bilder unterstützen den Text
DIN SPEC 33429 (seit 2023)
Die DIN SPEC 33429 „Empfehlungen für Deutsche Leichte Sprache“ ist die erste technische Spezifikation für Leichte Sprache in Deutschland. Sie definiert:
- Sprachliche Regeln (Wort-, Satz- und Textebene)
- Typografische Vorgaben (Schriftgröße, Zeilenabstand, Kontrast)
- Anforderungen an die Prüfung durch Prüfgruppen
- Qualitätskriterien für Übersetzungsbüros
Die DIN SPEC ist zwar keine rechtlich bindende Norm, aber sie gibt Unternehmen und Organisationen einen verlässlichen Rahmen.
Fordert das BFSG Leichte Sprache?
Die kurze Antwort: Nein, nicht direkt. Aber die längere Antwort ist differenzierter.
Das BFSG basiert auf der EN 301 549, die auf die WCAG 2.1 Level AA verweist. Die relevanten Success Criteria sind:
- WCAG SC 3.1.1 (Sprache der Seite): Das
lang-Attribut im<html>-Tag muss die Hauptsprache deklarieren – Pflicht auf Level A - WCAG SC 3.1.2 (Sprache von Teilen): Anderssprachige Abschnitte müssen mit eigenem
lang-Attribut gekennzeichnet sein – Pflicht auf Level AA - WCAG SC 3.1.4 (Abkürzungen): Abkürzungen müssen beim ersten Auftreten erklärt werden – Level AAA
- WCAG SC 3.1.5 (Reading Level): Wenn ein Text über das Leseniveau der Sekundarstufe I hinausgeht, soll eine vereinfachte Version verfügbar sein – Level AAA
Da das BFSG nur Level AA fordert, ist Leichte Sprache keine gesetzliche Pflicht. Aber SC 3.1.5 zeigt klar die Richtung: Vereinfachte Versionen sind das Ziel. Und wer heute schon Leichte Sprache anbietet, ist nicht nur inklusiver – sondern auch besser vorbereitet auf mögliche Verschärfungen.
Dieser Artikel ersetzt keine Rechtsberatung. Bei konkreten Fragen zur BFSG-Konformität wende dich an einen spezialisierten Anwalt.
Wann Leichte Sprache sinnvoll ist
Auch wenn das BFSG Leichte Sprache nicht direkt fordert – für viele Webseiten ist sie sinnvoll oder sogar erwartet:
- Öffentliche Stellen: Für Behörden, Kommunen und öffentlich-rechtliche Einrichtungen ist Leichte Sprache bereits Pflicht gemäß BGG (Behindertengleichstellungsgesetz) und BITV 2.0
- Gesundheitsportale: Patienteninformationen, Krankenkassen-Webseiten, Arztpraxen – komplexe medizinische Inhalte brauchen Vereinfachung
- Vereine und NGOs: Organisationen im sozialen Bereich sollten ihre Zielgruppe direkt erreichen
- Breites Publikum: Webshops, Dienstleister, Tourismus – wer möglichst viele Menschen ansprechen will
- Kleinunternehmen: Einfache Sprache (als pragmatischer Kompromiss) verbessert die Nutzerfreundlichkeit für alle
Wichtig: Leichte Sprache ist immer eine zusätzliche Version neben der Standardsprache – nicht der Ersatz. Die Standardsprache bleibt erhalten.
Prüfgruppen: Warum sie unverzichtbar sind
Ein Text ist erst dann in Leichter Sprache, wenn er von der Zielgruppe verstanden wird. Deshalb ist die Prüfung durch eine Prüfgruppe ein zentraler Bestandteil des Prozesses.
Eine Prüfgruppe besteht typischerweise aus 3–5 Menschen mit kognitiven Einschränkungen. Sie lesen den Text und geben Rückmeldung:
- Ist der Text verständlich?
- Gibt es Wörter, die erklärt werden müssen?
- Sind die Bilder hilfreich?
- Fehlen Informationen?
Viele Büros für Leichte Sprache bieten Prüfgruppen-Tests als Dienstleistung an. Die Kosten liegen bei ca. 50–100 Euro pro Text zusätzlich zur Übersetzung.
Leichte Sprache technisch umsetzen: 2 Ansätze
Es gibt zwei gängige Wege, Leichte Sprache auf einer Webseite zu integrieren:
Ansatz 1: Separate Seiten (empfohlen)
Erstelle für die wichtigsten Inhalte eigene Seiten in Leichter Sprache, z. B. unter /leichte-sprache/. Vorteile:
- Technisch einfach umzusetzen
- SEO-freundlich – eigene URLs werden indexiert
- Klare Trennung von Standard- und Leichte-Sprache-Inhalten
- Das
lang-Attribut kann seitenweise gesetzt werden
Verlinke die Leichte-Sprache-Version gut sichtbar in der Hauptnavigation – idealerweise mit dem offiziellen Leichte-Sprache-Logo.
Ansatz 2: Sprach-Toggle (Umschalter)
Ein Button auf jeder Seite wechselt zwischen Standard- und Leichter Sprache. Vorteile:
- Nutzerfreundlicher – der Wechsel passiert auf derselben Seite
- Der Kontext geht nicht verloren
Nachteile: Technisch aufwändiger, erfordert doppelte Content-Pflege, und die SEO-Wirkung ist geringer, weil keine eigenen URLs existieren.
Technische Anforderungen für beide Ansätze
lang-Attribut: Setzelang="de"auf der HTML-Ebene. Für Leichte-Sprache-Seiten kannst dulang="de-x-simple"verwenden (inoffizieller, aber gebräuchlicher Subtag)- Lesbares Layout: Schriftgröße mindestens 16px, Zeilenabstand 1.5–2.0, Zeilenbreite maximal 60–70 Zeichen
- Mediopunkt: Lange zusammengesetzte Wörter mit Medio·punkt trennen (HTML:
·) - Bilder: Unterstützende Illustrationen mit Alt-Texten in Leichter Sprache
- Navigation: Vereinfachte Menüstruktur, große Klickflächen
Leichte Sprache umsetzen: Praktische Schritt-für-Schritt-Anleitung
- Wichtigste Seiten identifizieren: Startseite, Kontakt, über uns, Kerndienstleistungen – nicht alles muss übersetzt werden
- Texte vereinfachen: Halte Sätze unter 12 Wörtern. Verwende aktive Verben. Erkläre jeden Fachbegriff beim ersten Auftreten.
- Bilder ergänzen: Jeder Abschnitt sollte ein erklärendes Bild haben. Piktogramme und Illustrationen funktionieren gut.
- Prüfgruppe einschalten: Lass den Text von Menschen aus der Zielgruppe testen. Ohne Prüfung ist es keine echte Leichte Sprache.
- Leichte-Sprache-Logo einbinden: Das offizielle Logo signalisiert Nutzern sofort, dass der Text geprüft ist.
- Navigation anlegen: Link „Leichte Sprache“ gut sichtbar im Header oder in der Hauptnavigation platzieren.
- Barrierefreiheit prüfen: Auch Leichte-Sprache-Seiten müssen WCAG-konform sein – nutze den bf-check Scanner zur Kontrolle.
Beispiel: Standard vs. Leichte Sprache
Standardsprache:
„Die Barrierefreiheitsanforderungen gemäß § 3 Abs. 1 BFSG gelten für Produkte, die nach dem 28. Juni 2025 in Verkehr gebracht werden, sowie für Dienstleistungen, die nach diesem Datum erbracht werden.“
In Leichter Sprache:
Es gibt ein neues Gesetz.
Das Gesetz heißt: Barriere-Freiheits-Stärkungs-Gesetz.
Die Abkürzung ist BFSG.
Das Gesetz gilt seit dem 28. Juni 2025.
Es gilt für Internet-Seiten und Apps.
Und für Dinge, die man kaufen kann.
Internet-Seiten müssen für alle Menschen benutzbar sein.
Der Unterschied ist deutlich: Kürzere Sätze, eine Idee pro Zeile, keine verschachtelten Nebensätze, der Fachbegriff wird erklärt.
Leichte Sprache und SEO: Kein Widerspruch
Viele Webseitenbetreiber befürchten, dass Leichte Sprache schlecht für SEO ist. Das Gegenteil kann der Fall sein:
- Zusätzliche Seiten: Jede Leichte-Sprache-Seite ist eine eigene URL mit eigenem Content – das erweitert den Index
- Geringere Absprungrate: Menschen, die den Text verstehen, bleiben länger auf der Seite
- Featured Snippets: Einfach formulierte Antworten auf Fragen werden häufiger als Snippet ausgewählt
- Barrierefreiheit als Ranking-Signal: Google bewertet Nutzererfahrung – und barrierefreie Seiten bieten bessere UX
Wichtig: Setze ein rel="alternate" zwischen Standard- und Leichte-Sprache-Version, damit Suchmaschinen die Beziehung verstehen. Und vermeide Duplicate-Content, indem die Leichte-Sprache-Version wirklich eine eigenständige Übersetzung ist – nicht nur eine gekürzte Kopie.
Leichte Sprache für verschiedene Branchen
Je nach Branche variiert der Bedarf an Leichter Sprache:
- Behörden und öffentliche Stellen: Pflicht gemäß BGG und BITV 2.0 – mindestens Startseite, Kontakt und Erklärung zur Barrierefreiheit
- Gesundheitswesen: Patienteninformationen, Behandlungsabläufe, Einwilligungserklärungen – hier kann Leichte Sprache im wörtlichen Sinne Leben retten
- E-Commerce: Bestellprozess, Rückgaberecht, AGB-Zusammenfassungen in Einfacher Sprache erhöhen die Conversion
- Bildung: Kursangebote, Anmeldeverfahren, Prüfungsinformationen – besonders bei inklusiven Bildungsangeboten
- Tourismus: Anreise-Informationen, Buchungsprozesse, Veranstaltungsprogramme
Häufige Fehler bei Leichter Sprache auf Webseiten
- Nur die Startseite übersetzen: Nutzer erwarten auch Kontakt- und Service-Seiten in Leichter Sprache
- Keine Prüfgruppe einschalten: Ohne Prüfung ist der Text bestenfalls Einfache Sprache
- Leichte Sprache verstecken: Der Link muss in der Hauptnavigation sein, nicht im Footer
- Layout nicht anpassen: Leichte Sprache braucht größere Schrift, mehr Weissraum und Bilder – das Standard-Layout reicht nicht
- Automatische Übersetzung blind vertrauen: KI-Tools können vorverarbeiten, aber das Ergebnis muss menschlich geprüft werden
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