Grundlagen

Leichte Sprache auf Webseiten: Wann sie gefordert ist und wie du sie umsetzt

Von Joshua Kantner · April 2026 · bf-check.de

Was ist Leichte Sprache?

Leichte Sprache ist eine stark vereinfachte Form der deutschen Sprache mit festen Regeln. Sie wurde entwickelt, um Informationen für möglichst viele Menschen zugänglich zu machen. Die wichtigsten Merkmale:

Wer braucht Leichte Sprache? Die Zielgruppen

Leichte Sprache richtet sich an mehrere Zielgruppen, die oft übersehen werden:

Insgesamt profitieren bis zu 10 Millionen Menschen in Deutschland von Texten in Leichter Sprache. Das ist kein Nischenthema – es ist ein enormes Publikum.

Leichte Sprache vs. Einfache Sprache: Der wichtige Unterschied

Die Begriffe werden oft verwechselt, meinen aber unterschiedliche Dinge:

Leichte Sprache folgt einem festen Regelwerk. Das bekannteste stammt vom Netzwerk Leichte Sprache und umfasst klare Vorgaben zu Wortschatz, Satzbau, Gestaltung und Prüfung. Seit 2023 gibt es zusätzlich die DIN SPEC 33429, die erstmals eine technische Spezifikation für Leichte Sprache definiert. Texte in Leichter Sprache müssen von einer Prüfgruppe getestet werden – Menschen aus der Zielgruppe, die den Text auf Verständlichkeit prüfen.

Einfache Sprache (auch: Bürgernahe Sprache) ist weniger streng. Sie vereinfacht Texte, aber ohne festgelegtes Regelwerk. Einfache Sprache richtet sich an ein breiteres Publikum und ist näher an der Alltagssprache. Es gibt keine Pflicht zur Prüfgruppe.

Für die meisten Webseiten ist Einfache Sprache ein pragmatischer erster Schritt, während Leichte Sprache der Goldstandard für maximale Zugänglichkeit ist.

Das Regelwerk: DIN SPEC 33429 und Netzwerk Leichte Sprache

Zwei maßgebliche Quellen definieren, was Leichte Sprache ausmacht:

Netzwerk Leichte Sprache

Das Netzwerk Leichte Sprache hat die Regeln für Leichte Sprache entwickelt, die seit über 15 Jahren in der Praxis angewendet werden. Die Kernregeln:

DIN SPEC 33429 (seit 2023)

Die DIN SPEC 33429 „Empfehlungen für Deutsche Leichte Sprache“ ist die erste technische Spezifikation für Leichte Sprache in Deutschland. Sie definiert:

Die DIN SPEC ist zwar keine rechtlich bindende Norm, aber sie gibt Unternehmen und Organisationen einen verlässlichen Rahmen.

Fordert das BFSG Leichte Sprache?

Die kurze Antwort: Nein, nicht direkt. Aber die längere Antwort ist differenzierter.

Das BFSG basiert auf der EN 301 549, die auf die WCAG 2.1 Level AA verweist. Die relevanten Success Criteria sind:

Da das BFSG nur Level AA fordert, ist Leichte Sprache keine gesetzliche Pflicht. Aber SC 3.1.5 zeigt klar die Richtung: Vereinfachte Versionen sind das Ziel. Und wer heute schon Leichte Sprache anbietet, ist nicht nur inklusiver – sondern auch besser vorbereitet auf mögliche Verschärfungen.

Dieser Artikel ersetzt keine Rechtsberatung. Bei konkreten Fragen zur BFSG-Konformität wende dich an einen spezialisierten Anwalt.

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Wann Leichte Sprache sinnvoll ist

Auch wenn das BFSG Leichte Sprache nicht direkt fordert – für viele Webseiten ist sie sinnvoll oder sogar erwartet:

Wichtig: Leichte Sprache ist immer eine zusätzliche Version neben der Standardsprache – nicht der Ersatz. Die Standardsprache bleibt erhalten.

Prüfgruppen: Warum sie unverzichtbar sind

Ein Text ist erst dann in Leichter Sprache, wenn er von der Zielgruppe verstanden wird. Deshalb ist die Prüfung durch eine Prüfgruppe ein zentraler Bestandteil des Prozesses.

Eine Prüfgruppe besteht typischerweise aus 3–5 Menschen mit kognitiven Einschränkungen. Sie lesen den Text und geben Rückmeldung:

Viele Büros für Leichte Sprache bieten Prüfgruppen-Tests als Dienstleistung an. Die Kosten liegen bei ca. 50–100 Euro pro Text zusätzlich zur Übersetzung.

Leichte Sprache technisch umsetzen: 2 Ansätze

Es gibt zwei gängige Wege, Leichte Sprache auf einer Webseite zu integrieren:

Ansatz 1: Separate Seiten (empfohlen)

Erstelle für die wichtigsten Inhalte eigene Seiten in Leichter Sprache, z. B. unter /leichte-sprache/. Vorteile:

Verlinke die Leichte-Sprache-Version gut sichtbar in der Hauptnavigation – idealerweise mit dem offiziellen Leichte-Sprache-Logo.

Ansatz 2: Sprach-Toggle (Umschalter)

Ein Button auf jeder Seite wechselt zwischen Standard- und Leichter Sprache. Vorteile:

Nachteile: Technisch aufwändiger, erfordert doppelte Content-Pflege, und die SEO-Wirkung ist geringer, weil keine eigenen URLs existieren.

Technische Anforderungen für beide Ansätze

Leichte Sprache umsetzen: Praktische Schritt-für-Schritt-Anleitung

  1. Wichtigste Seiten identifizieren: Startseite, Kontakt, über uns, Kerndienstleistungen – nicht alles muss übersetzt werden
  2. Texte vereinfachen: Halte Sätze unter 12 Wörtern. Verwende aktive Verben. Erkläre jeden Fachbegriff beim ersten Auftreten.
  3. Bilder ergänzen: Jeder Abschnitt sollte ein erklärendes Bild haben. Piktogramme und Illustrationen funktionieren gut.
  4. Prüfgruppe einschalten: Lass den Text von Menschen aus der Zielgruppe testen. Ohne Prüfung ist es keine echte Leichte Sprache.
  5. Leichte-Sprache-Logo einbinden: Das offizielle Logo signalisiert Nutzern sofort, dass der Text geprüft ist.
  6. Navigation anlegen: Link „Leichte Sprache“ gut sichtbar im Header oder in der Hauptnavigation platzieren.
  7. Barrierefreiheit prüfen: Auch Leichte-Sprache-Seiten müssen WCAG-konform sein – nutze den bf-check Scanner zur Kontrolle.

Beispiel: Standard vs. Leichte Sprache

Standardsprache:

„Die Barrierefreiheitsanforderungen gemäß § 3 Abs. 1 BFSG gelten für Produkte, die nach dem 28. Juni 2025 in Verkehr gebracht werden, sowie für Dienstleistungen, die nach diesem Datum erbracht werden.“

In Leichter Sprache:

Es gibt ein neues Gesetz.
Das Gesetz heißt: Barriere-Freiheits-Stärkungs-Gesetz.
Die Abkürzung ist BFSG.

Das Gesetz gilt seit dem 28. Juni 2025.
Es gilt für Internet-Seiten und Apps.
Und für Dinge, die man kaufen kann.

Internet-Seiten müssen für alle Menschen benutzbar sein.

Der Unterschied ist deutlich: Kürzere Sätze, eine Idee pro Zeile, keine verschachtelten Nebensätze, der Fachbegriff wird erklärt.

Leichte Sprache und SEO: Kein Widerspruch

Viele Webseitenbetreiber befürchten, dass Leichte Sprache schlecht für SEO ist. Das Gegenteil kann der Fall sein:

Wichtig: Setze ein rel="alternate" zwischen Standard- und Leichte-Sprache-Version, damit Suchmaschinen die Beziehung verstehen. Und vermeide Duplicate-Content, indem die Leichte-Sprache-Version wirklich eine eigenständige Übersetzung ist – nicht nur eine gekürzte Kopie.

Leichte Sprache für verschiedene Branchen

Je nach Branche variiert der Bedarf an Leichter Sprache:

Häufige Fehler bei Leichter Sprache auf Webseiten

Häufig gestellte Fragen

Muss ich meine gesamte Webseite in Leichter Sprache anbieten?
Nein, das BFSG fordert das nicht. Aber eine Zusammenfassung der wichtigsten Inhalte in Leichter Sprache ist eine gute Praxis und erreicht zusätzliche Zielgruppen.
Was ist der Unterschied zwischen Leichter Sprache und Einfacher Sprache?
Leichte Sprache folgt festen Regeln (z. B. Netzwerk Leichte Sprache, DIN SPEC 33429): maximal 8 Wörter pro Zeile, keine Fremdwörter, Prüfung durch Prüfgruppen. Einfache Sprache ist weniger streng – sie vereinfacht, aber ohne festgelegtes Regelwerk.
Was ist eine Prüfgruppe und brauche ich eine?
Eine Prüfgruppe besteht aus Menschen mit kognitiven Einschränkungen, die Texte in Leichter Sprache auf Verständlichkeit testen. Für offizielle Leichte-Sprache-Texte ist die Prüfung empfohlen. Viele Büros für Leichte Sprache bieten diesen Service an.
Wie kennzeichne ich Leichte-Sprache-Seiten technisch korrekt?
Setze das lang-Attribut auf „de-x-simple“ oder nutze eine klare Kennzeichnung mit dem Leichte-Sprache-Logo. Bei separaten Seiten sollte die Navigation einen gut sichtbaren Link „Leichte Sprache“ enthalten.
Fordert die WCAG Leichte Sprache?
WCAG SC 3.1.5 (Reading Level) fordert auf Level AAA vereinfachte Versionen für komplexe Texte. Da das BFSG nur Level AA verlangt, ist Leichte Sprache keine gesetzliche Pflicht – aber eine dringend empfohlene Best Practice.
Separate Seiten oder Sprach-Toggle – was ist besser?
Separate Seiten sind technisch einfacher und SEO-freundlicher. Ein Toggle (Umschalter) ist nutzerfreundlicher, aber technisch aufwändiger. Für die meisten Webseiten empfehlen wir separate Seiten mit prominenter Verlinkung.
Gibt es Tools, die automatisch in Leichte Sprache übersetzen?
Es gibt KI-basierte Tools, die Texte vereinfachen können. Diese liefern aber keine regelkonforme Leichte Sprache. Der Output muss immer von einem Menschen – idealerweise einer Prüfgruppe – gegengelesen werden.
Was kostet eine professionelle Übersetzung in Leichte Sprache?
Rechne mit 80–150 Euro pro Normseite (1.500 Zeichen). Inklusive Prüfgruppen-Test liegt der Preis höher. Für eine typische Webseite mit 5–10 Seiten sind 1.000–3.000 Euro realistisch.

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