BFSG für Zahnärzte: Muss meine Zahnarzt-Webseite barrierefrei sein?
BFSG und Zahnarztpraxen: Wer ist betroffen?
Als Zahnarzt denkst du vielleicht: Das BFSG betrifft mich nicht, ich bin doch kein Online-Shop. Aber: Sobald deine Praxis-Webseite Online-Terminbuchung, ein Patientenportal, Online-Anamnese-Bögen oder digitale Kostenvoranschläge anbietet, fallen diese digitalen Dienste unter § 1 BFSG. Und seien wir ehrlich: Die meisten modernen Zahnarzt-Webseiten haben mindestens ein Online-Kontaktformular oder eine Doctolib-Integration.
Gesundheitsinformationen zählen zudem zu den sogenannten YMYL-Inhalten (Your Money or Your Life) – Inhalte, bei denen Fehler oder schlechte Zugänglichkeit reale Auswirkungen auf die Gesundheit von Menschen haben können. Wer beispielsweise schlecht sehend ist und Informationen zu Behandlungsrisiken nicht lesen kann, trifft möglicherweise eine uninformierte Entscheidung. Barrierefreiheit ist hier nicht nur Pflicht, sondern ethische Verantwortung.
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Orientierung und ersetzt keine Rechtsberatung. Für verbindliche Aussagen zur BFSG-Pflicht deiner konkreten Praxis-Webseite wende dich an einen spezialisierten Anwalt.
Typische Probleme auf Zahnarzt-Webseiten
Vorher-Nachher-Bilder von Behandlungen ohne Alt-Texte – ein Verstoß gegen WCAG SC 1.1.1 (Nicht-Text-Inhalt). Helle Blau-Weiß-Farbschemata mit zu geringem Kontrast (der Klassiker bei Medizin-Webseiten, oft nur 2:1 statt der geforderten 4,5:1 nach WCAG SC 1.4.3). Team-Fotos ohne Beschreibung. Weitere Informationen finden Sie im BFSG-Glossar.
PDF-Downloads (Hygiene-Info, Anamnesebogen), die nicht barrierefrei sind. Eingebettete Terminbuchungs-Widgets, die nicht per Tastatur bedienbar sind (WCAG SC 2.1.1, Tastatur). Und: Praxisvideos ohne Untertitel – ein Problem für WCAG SC 1.2.2 (Untertitel, aufgezeichnet). Ähnliche Probleme kennen wir auch von allgemeinen Arztpraxis-Webseiten.
Online-Terminbuchung: Der häufigste Stolperstein
Die Online-Terminbuchung ist für viele Zahnarztpraxen der wichtigste digitale Service – und gleichzeitig der häufigste Barrierefreiheits-Stolperstein. Egal ob du Doctolib, Jameda, Dr. Flex oder ein eigenes Buchungssystem nutzt: Der gesamte Buchungsprozess muss barrierefrei sein.
Was das konkret bedeutet:
- Tastatur-Bedienbarkeit: Jeder Schritt der Buchung – Leistung wählen, Termin auswählen, Daten eingeben, Bestätigung – muss ohne Maus erreichbar sein (WCAG SC 2.1.1).
- Kalender-Widgets: Viele Terminkalender sind für Screenreader unlesbar. Tage müssen als Buttons mit beschreibendem Text ausgegeben werden (z. B. „Mittwoch, 23. April 2026, 3 freie Termine“).
- Fehlermeldungen: Wenn ein Patient ein Pflichtfeld vergisst, muss die Fehlermeldung programmatisch mit dem Feld verknüpft sein (WCAG SC 3.3.1, Fehlererkennung) – nicht nur visuell rot markiert.
- Bestätigungsseite: Der Fokus muss nach dem Absenden auf die Bestätigungsmeldung springen, damit Screenreader-Nutzer wissen, dass die Buchung erfolgreich war.
Mehr dazu in unserem spezialisierten Artikel zur barrierefreien Online-Buchung nach BFSG.
Behandlungsübersicht und Leistungsseiten
Die meisten Zahnarzt-Webseiten haben Unterseiten für Behandlungen: Prophylaxe, Implantate, Kieferorthopädie, ästhetische Zahnheilkunde. Diese Seiten müssen bestimmte Barrierefreiheits-Anforderungen erfüllen:
- Heading-Hierarchie: Jede Behandlungsseite braucht eine klare Überschriften-Struktur (
h1→h2→h3). Screenreader-Nutzer navigieren per Heading – ohne Struktur finden sie nichts (WCAG SC 1.3.1). - Fachbegriffe erklären: Begriffe wie „Approximalkaries“ oder „Wurzelspitzenresektion“ sollten beim ersten Auftreten erklärt werden. Das hilft nicht nur der Barrierefreiheit (WCAG SC 3.1.3, Ungewöhnliche Wörter), sondern auch der Verständlichkeit für alle Patienten.
- Behandlungsbilder: Alt-Texte müssen den Behandlungsschritt beschreiben, z. B. „Röntgenaufnahme eines Implantats im Unterkiefer“ – nicht nur „Bild“ oder „Behandlung“.
Preislisten und GOZ-Übersichten
Immer mehr Zahnarztpraxen stellen Preislisten oder GOZ-Orientierungswerte online. Wenn du das tust, beachte:
- HTML-Tabellen statt Bilder: Eine Preisliste als Screenshot oder Bild ist für Screenreader unsichtbar. Nutze eine echte HTML-Tabelle mit
<th>-Elementen undscope-Attributen (WCAG SC 1.3.1). - Klare Spaltenüberschriften: Jede Spalte (Leistung, Steigerungsfaktor, Preisspanne) braucht eine Kopfzeile, die programmatisch mit den Datenzellen verknüpft ist.
- Nicht-barrierefreie PDFs ersetzen: Viele Praxen bieten die GOZ als PDF-Download an. Wenn das PDF nicht getaggt ist, ist es für Screenreader unlesbar. Biete die Inhalte zusätzlich als HTML an oder erstelle ein korrekt getaggtes PDF. Mehr dazu in unserem Artikel zu barrierefreien Formularen und Dokumenten.
Patientenformulare digital: Anamnese, Einwilligung, Recall
Digitale Patientenformulare sind ein großer Komfortgewinn – aber auch ein häufiger Barrierefreiheits-Fallstrick. Diese Formulare müssen gemäß WCAG SC 1.3.1, 3.3.1 und 3.3.2 umgesetzt werden:
- Jedes Eingabefeld braucht ein
<label>: Placeholder-Text allein reicht nicht – er verschwindet beim Tippen und ist für Screenreader nicht zuverlässig. - Pflichtfelder kennzeichnen: Nicht nur mit einem roten Sternchen, sondern zusätzlich mit
aria-required="true"und einem Hinweis im Label-Text. - Fehlermeldungen konkret formulieren: „Bitte füllen Sie das Feld Geburtsdatum im Format TT.MM.JJJJ aus“ statt nur „Fehler“.
- Checkboxen für Einwilligungen: Datenschutz-Einwilligungen und Behandlungs-Einverständnisse müssen als echte Checkboxen mit zugehörigem Label umgesetzt werden – nicht als klickbare Div-Elemente.
Virtuelle Praxistour: Barrierefreiheit bei 360-Grad-Ansichten
Viele Zahnartpraxen bieten eine virtuelle Praxistour an – ein nettes Feature für potenzielle Patienten. Aber auch hier gilt das BFSG:
- Tastatur-Bedienbarkeit: Alle Steuerelemente (Drehen, Zoomen, Raum wechseln) müssen per Tastatur erreichbar sein (WCAG SC 2.1.1).
- ARIA-Labels für Steuerelemente: Buttons wie „Nächster Raum“ oder „Ansicht drehen“ brauchen beschreibende Labels.
- Textalternative anbieten: Nicht jeder kann eine 360-Grad-Tour nutzen. Biete eine textuelle Beschreibung der Praxisräume als Alternative an (WCAG SC 1.1.1).
- Bewegung kontrollierbar machen: Automatische Rotationen müssen pausierbar sein (WCAG SC 2.2.2, Pause, Stopp, Ausblenden).
Schritt für Schritt: Zahnarzt-Webseite BFSG-konform machen
Schritt 1 – Bestandsaufnahme: Scanne deine Webseite mit dem bf-check Scanner. Das gibt dir eine erste Übersicht über die größten Barrieren.
Schritt 2 – Alt-Texte für alle Bilder: Team-Fotos, Praxisbilder, Behandlungsbeispiele, Röntgenbilder. Beschreibe, was zu sehen ist – nicht nur „Foto“.
Schritt 3 – Kontraste prüfen: Das beliebte Hellblau auf Weiß hat oft nur 2:1 statt der erforderlichen 4,5:1. Passe Farben in deinem CMS an.
Schritt 4 – Formulare überarbeiten: Jedes Eingabefeld braucht ein echtes <label>. Anamnese-Bögen als HTML-Formular statt als PDF anbieten.
Schritt 5 – Terminbuchung per Tastatur testen: Tab durch den gesamten Buchungsprozess drücken. Jeder Schritt muss ohne Maus erreichbar sein.
Schritt 6 – PDFs prüfen oder ersetzen: Hygiene-Infos, Datenschutzerklärungen, Einwilligungsformulare – entweder als getaggtes PDF oder besser als HTML bereitstellen.
Schritt 7 – Videos mit Untertiteln versehen: Praxisvorstellungen, Behandlungserklärungen, Patientenberichte – alle Videos brauchen Untertitel.
Schritt 8 – Barrierefreiheitserklärung veröffentlichen: Dokumentiere den aktuellen Stand, bekannte Einschränkungen und einen Feedback-Mechanismus.
Doctolib, Jameda & Co.: Wer ist verantwortlich?
Wenn du Doctolib oder Jameda für Terminbuchung nutzt, ist der Plattform-Betreiber für deren Barrierefreiheit verantwortlich. Aber: Das eingebettete Widget auf deiner Webseite und die Integration in deine Seite liegt in deiner Verantwortung.
Prüfe konkret:
- Ist das Widget per Tastatur erreichbar? Kann ein Nutzer per Tab zum Buchungs-Button navigieren?
- Hat das
<iframe>ein beschreibendestitle-Attribut (z. B. „Online-Terminbuchung über Doctolib“)? - Werden Farbkontraste innerhalb des Widgets eingehalten?
- Funktioniert die Buchung auch mit Screenreader (NVDA, VoiceOver)?
Wenn das Widget gravierende Barrierefreiheits-Mängel hat, die du nicht beheben kannst, biete einen alternativen Buchungsweg an (Telefon, E-Mail) und dokumentiere die Einschränkung in deiner Barrierefreiheitserklärung.
Häufig gestellte Fragen
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