Barrierefreiheitserklärung erstellen: Vorlage und Generator für deine Webseite
Was ist eine Barrierefreiheitserklärung und wer braucht sie?
Eine Barrierefreiheitserklärung ist ein Dokument auf deiner Webseite, das den aktuellen Stand der Barrierefreiheit beschreibt. Sie zeigt: Was bereits barrierefrei ist, wo es noch Einschränkungen gibt, und wie Nutzer Probleme melden können. Nach dem BFSG sind Anbieter digitaler Dienstleistungen verpflichtet, eine solche Erklärung auf ihrer Webseite bereitzustellen.
Sie ist vergleichbar mit der Datenschutzerklärung -- ein Pflichtdokument. Für öffentliche Stellen ergibt sich die Pflicht direkt aus §12b BGG (Behindertengleichstellungsgesetz). Für privatwirtschaftliche Anbieter digitaler Dienstleistungen greift das BFSG.
Die europäische Grundlage bildet die EU-Richtlinie 2016/2102, die für alle Webseiten und mobilen Anwendungen öffentlicher Stellen gilt. Der European Accessibility Act (EAA) erweitert den Kreis auf die Privatwirtschaft -- in Deutschland umgesetzt durch das BFSG.
Pflichtinhalt nach §12b BGG und EU-Muster
Die EU-Kommission hat mit dem Durchführungsbeschluss (EU) 2018/1523 ein Muster für Barrierefreiheitserklärungen vorgegeben. In Deutschland ist dieses Muster über §12b BGG für öffentliche Stellen verbindlich. Für BFSG-pflichtige Unternehmen dient es als Best Practice.
Folgende Angaben sind Pflicht:
- Konformitätsstatus -- eine der drei definierten Stufen (siehe nächster Abschnitt)
- Nicht barrierefreie Inhalte -- konkrete Aufzählung der bekannten Einschränkungen mit Begründung
- Feedback-Mechanismus -- eine Kontaktmöglichkeit, über die Nutzer Barrieren melden können
- Durchsetzungsverfahren -- Hinweis auf die zuständige Schlichtungsstelle
- Datum der Erstellung und letzten Prüfung
- Prüfmethode -- Selbstbewertung, externer Audit oder automatisierter Test
- Technische Grundlage -- Verweis auf WCAG 2.1 Level AA (EN 301 549)
Optional, aber empfohlen: Ein konkreter Maßnahmenplan mit Zeitrahmen für die Behebung bekannter Probleme. Das zeigt bei einer behördlichen Prüfung oder Marktaufsichts-Anfrage guten Willen.
Die drei Konformitätsstatus im Detail
Das EU-Muster kennt exakt drei Konformitätsstatus. Die ehrliche Einstufung ist entscheidend -- eine falsche Behauptung kann bei einer Prüfung nach hinten losgehen.
1. Vollständig konform: Alle Anforderungen der WCAG 2.1 Level AA (alle 50 Erfolgskriterien) sind ohne Ausnahme erfüllt. Dieser Status ist in der Praxis selten und sollte nur nach einem professionellen Audit vergeben werden.
2. Teilweise konform: Die meisten Anforderungen sind erfüllt, aber es gibt bekannte Einschränkungen. Das ist der ehrlichste und häufigste Status. Du listest alle bekannten Probleme auf -- zum Beispiel: "Einige ältere PDF-Dokumente sind nicht barrierefrei (WCAG SC 1.1.1, SC 1.3.1). Wir arbeiten an der Konvertierung."
3. Nicht konform: Wesentliche Anforderungen sind nicht erfüllt. Dieser Status ist ein rotes Tuch für Prüfer und Abmahner. Falls deine Seite in diesem Zustand ist, solltest du dringend nachbessern.
Unser Tipp: Die meisten Webseiten starten realistisch als "teilweise konform". Das ist kein Makel, sondern zeigt Transparenz. Nutze den kostenlosen BFSG-Scanner, um deinen aktuellen Stand zu ermitteln.
Was muss in der Barrierefreiheitserklärung stehen?
Pflichtangaben sind: Konformitätsstatus (vollständig, teilweise oder nicht konform). Bekannte Einschränkungen und Gründe dafür. Kontaktmöglichkeit für Barrierefreiheits-Feedback.
Datum der letzten Prüfung. Verweis auf die WCAG-Version, die zugrunde liegt. Und optional: geplante Maßnahmen zur Verbesserung.
Je ehrlicher und detaillierter die Erklärung, desto besser stehst du bei einer Prüfung oder Abmahnung da. Eine gut dokumentierte "teilweise konforme" Erklärung ist rechtlich deutlich sicherer als eine lückenhafte "vollständig konforme" Behauptung.
Feedback-Mechanismus: Warum er Pflicht ist
Der Feedback-Mechanismus ist kein optionales Extra -- er ist gesetzlich vorgeschrieben. Nutzer müssen eine einfache Möglichkeit haben, Barrieren zu melden. Das kann sein:
- Eine dedizierte E-Mail-Adresse (z.B. barrierefreiheit@deinedomain.de)
- Ein barrierefreies Kontaktformular -- das Formular selbst muss WCAG-konform sein (SC 1.3.1, SC 3.3.2)
- Eine Telefonnummer für Menschen, die kein Web-Formular nutzen können
Wichtig: Auf gemeldete Barrieren musst du reagieren. Die EU-Vorgabe sieht eine Antwortfrist von maximal 4-6 Wochen vor. Reagierst du nicht, kann der Nutzer die zuständige Schlichtungsstelle einschalten.
Durchsetzungsverfahren und Schlichtungsstelle
Deine Erklärung muss einen Hinweis auf das Durchsetzungsverfahren enthalten. Für Bundesbehörden ist die Schlichtungsstelle nach §16 BGG zuständig (angesiedelt beim Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen). Auf Landesebene gibt es eigene Durchsetzungsstellen.
Für BFSG-pflichtige privatwirtschaftliche Unternehmen sind die Marktaufsichtsbehörden der Bundesländer zuständig. Der Hinweis auf die zuständige Stelle gehört in jede Erklärung.
Schritt-für-Schritt: Erklärung erstellen
Schritt 1: Webseite mit dem bf-check.de Scanner prüfen und den Status dokumentieren.
Schritt 2: Bekannte Probleme auflisten (aus dem Scan-Report). Benenne dabei die betroffenen WCAG-Erfolgskriterien (z.B. "SC 1.4.3 Kontrast" oder "SC 1.1.1 Nicht-Text-Inhalte").
Schritt 3: Konformitätsstatus festlegen. Die meisten Webseiten sind ehrlich gesagt "teilweise konform".
Schritt 4: Kontakt-E-Mail oder Formular für Barrierefreiheits-Feedback angeben.
Schritt 5: Datum der Prüfung und verwendete Prüfmethode eintragen.
Schritt 6: Durchsetzungsverfahren und zuständige Schlichtungsstelle nennen.
Schritt 7: Die Erklärung als eigene HTML-Unterseite veröffentlichen und im Footer verlinken -- genau wie Impressum und Datenschutzerklärung. Stelle sicher, dass die Dokumentation vollständig ist.
Generator-Tools im Vergleich
Es gibt verschiedene Tools, die dir beim Erstellen der Erklärung helfen:
BIK-BITV-Generator: Speziell für öffentliche Stellen in Deutschland. Generiert eine Erklärung nach dem EU-Muster mit allen Pflichtfeldern. Kostenlos, aber nur für den öffentlichen Sektor optimiert.
W3C Accessibility Statement Generator: Internationales Tool vom W3C (englisch). Gut strukturiert, aber du musst die Texte ins Deutsche übersetzen und an deutsche Rechtslage anpassen.
Manuelle Vorlage: Du erstellst die Erklärung selbst auf Basis des EU-Musters. Mehr Aufwand, aber maximale Kontrolle und Anpassung an deine Webseite. Für die meisten KMU der pragmatischste Weg.
Egal welchen Weg du wählst: Ein Generator erzeugt nur ein Gerüst. Du musst die Angaben individuell anpassen -- generische Copy-Paste-Erklärungen sind bei einer Prüfung sofort erkennbar.
Erklärung aktuell halten: Wann aktualisieren?
Eine Barrierefreiheitserklärung ist kein einmaliges Dokument. Du musst sie aktualisieren:
- Mindestens einmal jährlich -- auch wenn sich nichts geändert hat (Datum aktualisieren)
- Nach einem Redesign oder Relaunch
- Nach einem CMS-Wechsel oder größeren Plugin-Updates
- Wenn du neue barrierefreie Inhalte oder Funktionen hinzugefügt hast
- Wenn du gemeldete Barrieren behoben hast
Tipp: Setze dir einen jährlichen Reminder. Ein veraltetes Prüfdatum (älter als 12 Monate) ist ein häufiger Kritikpunkt bei Audits.
Häufige Fehler bei Barrierefreiheitserklärungen
Behaupten, die Seite sei "vollständig konform", obwohl das nicht stimmt -- das kann bei einer Prüfung nach hinten losgehen und ist im Zweifel ein Verstoß gegen Informationspflichten.
Generische Vorlagen ohne Anpassung an die eigene Webseite. Prüfer erkennen sofort, wenn eine Erklärung nicht zum tatsächlichen Zustand der Seite passt.
Keine Kontaktmöglichkeit für Feedback -- ein klarer Verstoß gegen §12b BGG.
Veraltetes Prüfdatum (sollte mindestens jährlich aktualisiert werden).
Die Erklärung nur als PDF statt als HTML-Seite anbieten -- ironischerweise selbst ein Barrierefreiheits-Problem.
Fehlender Verweis auf das Durchsetzungsverfahren und die zuständige Schlichtungsstelle.
Vorlage: Muster-Erklärung zum Anpassen
Eine solide Barrierefreiheitserklärung folgt immer der gleichen Grundstruktur. Du kannst das folgende Gerüst als Ausgangspunkt nutzen und an deine Webseite anpassen:
Abschnitt 1 -- Geltungsbereich: Benenne exakt, für welche Webseite oder App die Erklärung gilt. Bei mehreren Domains brauchst du separate Erklärungen. Beispiel: "Diese Erklärung gilt für die Webseite www.beispiel.de einschließlich aller Unterseiten."
Abschnitt 2 -- Konformitätsstatus: Wähle einen der drei definierten Status (vollständig konform, teilweise konform, nicht konform) und benenne die technische Grundlage: "Diese Webseite ist teilweise konform mit WCAG 2.1 Level AA (EN 301 549)."
Abschnitt 3 -- Nicht barrierefreie Inhalte: Liste konkret auf, welche Bereiche betroffen sind. Benenne die WCAG-Erfolgskriterien (z.B. SC 1.1.1, SC 1.4.3) und begründe, warum die Barriere besteht -- etwa "unverhältnismäßige Belastung" gemäß §3 Abs. 4 BFSG oder "Inhalte von Dritten".
Abschnitt 4 -- Feedback-Mechanismus: Nenne eine E-Mail-Adresse, ein barrierefreies Kontaktformular und idealerweise eine Telefonnummer. Der Feedback-Kanal selbst muss barrierefrei sein (WCAG SC 1.3.1, SC 3.3.2).
Abschnitt 5 -- Durchsetzungsverfahren: Verweise auf die zuständige Stelle. Für Bundesbehörden: Schlichtungsstelle nach §16 BGG. Für BFSG-pflichtige Unternehmen: die Marktaufsichtsbehörde deines Bundeslandes.
Abschnitt 6 -- Erstellungsdatum und Prüfmethode: Dokumentiere, wann die letzte Prüfung stattfand und welche Methode verwendet wurde (Selbstbewertung, automatisierter Test, externer Audit).
Barrierefreiheitserklärung und BFSG-Dokumentation
Die Barrierefreiheitserklärung ist nur ein Teil der gesamten BFSG-Dokumentation. Während die Erklärung öffentlich auf deiner Webseite steht, umfasst die vollständige Dokumentation auch interne Nachweise: Prüfberichte, Maßnahmenpläne, Schulungsnachweise und die technische Dokumentation deiner Barrierefreiheits-Maßnahmen.
Bei einer Prüfung durch die Marktaufsicht wird beides verlangt. Die öffentliche Erklärung zeigt deinen Nutzern den aktuellen Stand, die interne Dokumentation beweist gegenüber Behörden, dass du systematisch an der Barrierefreiheit arbeitest.
Ein konkreter Maßnahmenplan mit Zeitrahmen stärkt deine Position erheblich. Beispiel: "Bis Q3 2026 werden alle PDF-Dokumente in barrierefreie Versionen konvertiert (betrifft SC 1.1.1, SC 1.3.1, SC 4.1.2)." Das zeigt Prüfern und im Fall einer behördlichen Anfrage guten Willen und einen strukturierten Ansatz.
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und stellt keine Rechtsberatung dar. Bei konkreten rechtlichen Fragen zur Barrierefreiheitserklärung wende dich an einen spezialisierten Rechtsanwalt. Stand: April 2026.
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