Barrierefreiheitserklärung erstellen: Vorlage und Anleitung für Webseitenbetreiber
Was ist eine Barrierefreiheitserklärung?
Die Barrierefreiheitserklärung ist ein öffentliches Statement auf deiner Webseite, das beschreibt: Wie barrierefrei deine Seite ist, welche Einschränkungen bekannt sind und wie Nutzer Barrieren melden können. Für öffentliche Stellen ist sie bereits seit 2019 Pflicht -- geregelt durch die EU-Richtlinie 2016/2102 und in Deutschland umgesetzt in §12b des Behindertengleichstellungsgesetzes (BGG).
Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG), das seit Juni 2025 gilt, bringt ähnliche Anforderungen für private Anbieter digitaler Produkte und Dienstleistungen. Auch wenn die Barrierefreiheitserklärung für privatwirtschaftliche Anbieter (noch) nicht identisch geregelt ist wie für öffentliche Stellen, wird sie als Best Practice dringend empfohlen -- und kann bei Prüfungen durch die Marktaufsicht entlastend wirken.
Rechtliche Grundlage: §12b BGG und EU-Durchführungsbeschluss 2018/1523
Für öffentliche Stellen regelt §12b BGG die Pflichtangaben der Barrierefreiheitserklärung im Detail. Die Norm verlangt eine detaillierte, regelmäßig aktualisierte Erklärung, die auf jeder Webseite leicht auffindbar sein muss.
Auf EU-Ebene gibt der Durchführungsbeschluss (EU) 2018/1523 eine standardisierte Muster-Erklärung vor. Dieses Muster definiert exakt, welche Abschnitte enthalten sein müssen und in welcher Reihenfolge. Private Anbieter, die sich an diesem Muster orientieren, erfüllen damit automatisch den höchsten Transparenzstandard. Weitere Informationen finden Sie im BFSG-Glossar.
Die EU-Muster-Erklärung umfasst folgende Pflichtabschnitte:
- Konformitätsstatus -- vollständig konform, teilweise konform oder nicht konform mit EN 301 549 / WCAG 2.1 Level AA
- Nicht barrierefreie Inhalte -- mit Begründung (unverhältnismäßige Belastung, nicht im Geltungsbereich, technische Einschränkung)
- Erstellungsdatum und Prüfmethode
- Feedback-Mechanismus
- Durchsetzungsverfahren
Was die Erklärung konkret enthalten muss
1. Konformitätsstatus
Der Konformitätsstatus ist das Herzstück der Erklärung. Du musst ehrlich angeben, wie weit deine Webseite die Anforderungen der EN 301 549 bzw. WCAG 2.1 Level AA erfüllt. Es gibt drei Stufen:
- Vollständig konform -- alle Anforderungen werden ohne Ausnahme erfüllt
- Teilweise konform -- einige Anforderungen werden nicht erfüllt (häufigster Fall)
- Nicht konform -- die Mehrzahl der Anforderungen wird nicht erfüllt
Sei ehrlich. Eine "teilweise konform"-Erklärung mit transparenter Auflistung der Lücken ist immer besser als eine falsche Behauptung vollständiger Konformität.
2. Bekannte Einschränkungen
Liste jede bekannte Barriere einzeln auf. Für jede Einschränkung solltest du angeben:
- Welcher Bereich betroffen ist (z.B. "PDF-Dokumente im Download-Bereich")
- Welche WCAG-Kriterien nicht erfüllt werden (z.B. WCAG SC 1.4.3 Kontrast, SC 1.1.1 Nicht-Text-Inhalte)
- Warum die Barriere besteht (technisch, unverhältnismäßige Belastung, Drittanbieter-Inhalte)
- Wann eine Behebung geplant ist
3. Feedback-Mechanismus
Nutzer müssen Barrieren melden können. Der Feedback-Mechanismus muss selbst barrierefrei sein (WCAG SC 3.3.2 Beschriftungen oder Anweisungen). Gib mindestens zwei Kontaktwege an:
- E-Mail-Adresse
- Telefonnummer
- Optional: barrierefreies Kontaktformular
Wichtig: Nenne eine konkrete Antwortfrist. §12b BGG sieht vor, dass öffentliche Stellen innerhalb von sechs Wochen antworten müssen. Für private Anbieter empfehlen wir maximal vier Wochen.
4. Durchsetzungsverfahren / Schlichtungsstelle
Für öffentliche Stellen ist der Verweis auf die zuständige Schlichtungsstelle nach §16 BGG Pflicht. Für private Anbieter unter dem BFSG ist die zuständige Marktaufsichtsbehörde zu nennen. Nutzer, die mit deiner Reaktion auf ihr Feedback unzufrieden sind, haben so einen formalen Eskalationspfad.
5. Prüfmethode und Datum
Dokumentiere, wie die Barrierefreiheit geprüft wurde: automatisiert (z.B. mit dem bf-check Scanner), manuell, durch ein externes Audit oder als Kombination. Nenne das exakte Datum der letzten Prüfung. Für eine ausführliche Anleitung zur Durchführung eines eigenen Audits siehe unseren Ratgeber Barrierefreiheit-Audit selber machen.
Vorlage / Template für private Webseitenbetreiber
Auch wenn die Barrierefreiheitserklärung für private Anbieter noch nicht formell vorgeschrieben ist, empfehlen wir sie proaktiv zu veröffentlichen. Sie zeigt guten Willen, dokumentiert deine Bemühungen und kann bei Abmahnungen entlastend wirken. Die folgende Vorlage orientiert sich am EU-Muster (Durchführungsbeschluss 2018/1523) und kann direkt angepasst werden:
Muster-Vorlage (vereinfacht):
Erklärung zur Barrierefreiheit
[Firmenname] bemüht sich, [Webseite/App] im Einklang mit den Anforderungen des Barrierefreiheitsstärkungsgesetzes (BFSG) sowie der EN 301 549 und WCAG 2.1 Level AA barrierefrei zugänglich zu machen.
Stand der Konformität: Diese Webseite ist [vollständig / teilweise / nicht] konform mit WCAG 2.1 Level AA.
Nicht barrierefreie Inhalte: [Beschreibung der bekannten Einschränkungen und Begründung]
Erstellung dieser Erklärung: Diese Erklärung wurde am [Datum] erstellt. Grundlage ist eine [Selbstbewertung / externes Audit / automatisierter Scan].
Feedback und Kontakt: Wenn du Barrieren auf unserer Webseite feststellst, kontaktiere uns: [E-Mail] / [Telefon]. Wir antworten innerhalb von [Frist].
Durchsetzungsverfahren: Solltest du nach deiner Kontaktaufnahme keine zufriedenstellende Antwort erhalten, kannst du dich an [zuständige Marktaufsichtsbehörde / Schlichtungsstelle] wenden.
Passe die Platzhalter in eckigen Klammern an deine Situation an. Wenn du Hilfe bei der Identifikation deiner Barrieren brauchst, nutze unseren kostenlosen BFSG-Scanner als Ausgangspunkt.
Schritt-für-Schritt: Barrierefreiheitserklärung erstellen
So gehst du methodisch vor:
- Ist-Zustand prüfen -- Führe einen automatisierten Scan durch (z.B. mit dem bf-check Scanner) und ergänze ihn durch manuelle Tests. Dokumentiere alle gefundenen Barrieren.
- Konformitätsstatus festlegen -- Auf Basis deiner Prüfergebnisse: Bist du vollständig, teilweise oder nicht konform mit WCAG 2.1 Level AA?
- Einschränkungen auflisten -- Für jede Barriere: Was ist betroffen, welches WCAG-Kriterium wird verletzt, warum besteht die Barriere?
- Maßnahmenplan erstellen -- Definiere, welche Barrieren bis wann behoben werden sollen. Das zeigt der Marktaufsicht, dass du aktiv arbeitest.
- Feedback-Kanal einrichten -- E-Mail-Adresse und optional Telefonnummer oder Kontaktformular. Der Kanal muss selbst barrierefrei sein.
- Erklärung veröffentlichen -- Verwende die Vorlage oben, passe sie an und stelle sie auf deiner Webseite bereit.
- Regelmäßig aktualisieren -- Mindestens jährlich und nach jedem größeren Update oder Relaunch.
Tipp: Halte die vollständige BFSG-Dokumentation und Nachweise parallel bereit -- die Barrierefreiheitserklärung ist nur ein Teil deiner Compliance-Strategie.
Wo die Erklärung auf der Webseite stehen sollte
Die Barrierefreiheitserklärung muss leicht auffindbar sein. Gemäß §12b Abs. 2 BGG muss sie von jeder Seite aus erreichbar sein. Konkret bedeutet das:
- Im Footer verlinken -- neben Impressum und Datenschutz, idealerweise als eigenständiger Link "Barrierefreiheit"
- URL-Empfehlung:
/barrierefreiheitoder/accessibility - Seitenname im Link: "Erklärung zur Barrierefreiheit" oder kurz "Barrierefreiheit"
Die Erklärung selbst muss natürlich barrierefrei sein -- sie muss die WCAG-Kriterien für Lesbarkeit (SC 3.1.5), Kontrast (SC 1.4.3) und Tastaturbedienbarkeit (SC 2.1.1) erfüllen. Eine nicht-barrierefreie Barrierefreiheitserklärung wäre ein denkbar schlechtes Signal.
Aktualisierungspflicht: Wie oft musst du die Erklärung überarbeiten?
Für öffentliche Stellen schreibt §12b BGG eine jährliche Überprüfung vor. Die EU-Richtlinie 2016/2102 ergänzt, dass die Erklärung nach jeder wesentlichen Überarbeitung der Webseite aktualisiert werden muss.
Für private Anbieter unter dem BFSG gibt es (noch) keine explizite Aktualisierungsfrist. Wir empfehlen:
- Mindestens einmal jährlich -- auch ohne Änderungen an der Seite
- Nach jedem Relaunch oder Redesign
- Nach Behebung gemeldeter Barrieren -- um den aktualisierten Status zu dokumentieren
- Nach einem externen Audit
Veraltete Erklärungen sind fast so schlecht wie keine Erklärung. Wenn dein Prüfdatum zwei Jahre zurückliegt, wirkt das unglaubwürdig.
Häufige Fehler bei Barrierefreiheitserklärungen
In der Praxis sehen wir immer wieder dieselben Fehler:
- Zu vage formuliert -- "Wir bemühen uns um Barrierefreiheit" ohne konkrete Angaben zum Konformitätsstatus hilft niemandem
- Kein Feedback-Mechanismus -- die Erklärung ohne Kontaktmöglichkeit ist unvollständig
- Falsche Konformitätsbehauptung -- "Vollständig konform" behaupten, obwohl grundlegende WCAG-Kriterien verletzt werden, kann als irreführend gewertet werden
- Versteckt oder schwer auffindbar -- wenn Nutzer die Erklärung erst nach drei Klicks finden, verfehlt sie ihren Zweck
- Einmal erstellt, nie aktualisiert -- eine Erklärung von 2023 für eine 2026 überarbeitete Seite ist wertlos
Dieser Artikel ersetzt keine Rechtsberatung. Bei konkreten rechtlichen Fragen zum BFSG oder zur Barrierefreiheitserklärung wende dich an einen spezialisierten Anwalt.
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